- Die EZB warnt, dass Stablecoins bei weiterem Wachstum Bankeinlagen im Euroraum verdrängen und neue Risiken für die Finanzstabilität schaffen können.
- Die größten Stablecoins USDT und USDC halten bereits Reserven in einer Größenordnung großer Geldmarktfonds und sind stark im Markt für US-Treasuries engagiert.
- Regulierungsunterschiede zwischen EU und Drittstaaten eröffnen Spielräume für Arbitrage, die bei einem Run auf Stablecoins direkte Folgen für Europa haben könnten.
Stablecoins wachsen schnell und sind heute ein zentraler Baustein im globalen Krypto-Handel. Die EZB sieht darin ein mögliches Risiko für Anleihemärkte und Banken und drängt auf eng abgestimmte Regeln über Grenzen hinweg.
Stablecoins wachsen rasant und hängen am US Dollar
Die EZB beziffert die Marktkapitalisierung aller Stablecoins auf mehr als 280 Milliarden US-Dollar. Das sind rund acht Prozent des gesamten Krypto-Marktes. Fast der gesamte Bestand ist an den US Dollar gekoppelt. Euro Stablecoins kommen nur auf etwa 395 Millionen Euro und spielen im Vergleich bisher eine Nebenrolle.
An der Spitze stehen Tether (USDT) und USD Coin (USDC). Zusammen bringen beide rund 260 Milliarden US-Dollar auf die Waage. Sie sind damit nicht nur der Kern der Krypto-Infrastruktur. Ihre Reserven sind inzwischen mit den größten Geldmarktfonds der Welt vergleichbar. Große Teile dieser Reserven stecken in kurz laufenden US-Treasuries, Reverse-Repos, Geldmarktfonds und Bankeinlagen.

Im praktischen Einsatz dominieren Stablecoins vor allem im Handel mit Krypto-Assets. Etwa 80 Prozent aller Trades auf zentralisierten Krypto-Börsen laufen über Stablecoins. Nur etwa 0,5 Prozent des Volumens entfallen auf echte Retail-Transaktionen, also Transfers kleinerer Beträge. Der oft genannte Einsatz von Krypto als Zahlungsmittel oder Sparersatz in Schwellenländern ist damit bisher eher Nische als Massenphänomen.
Gleichzeitig zeigen Ereignisse wie der Kollaps des Algorithmus Stablecoins TerraUSD oder die Unsicherheit rund um USDC im Umfeld der Silicon Valley Bank, wie schnell ein De-Pegging auslösen kann. Ein Verlust des Vertrauens in die Einlösung zum Nennwert kann rasch in einen Run umschlagen und Verkäufe von Reserven erzwingen.
Risiken für US-Treasuries und Bankeinlagen
Durch ihre Größe sind Stablecoin Emittenten heute wichtige Käufer von kurz laufenden US-Treasuries. Analysen ordnen USDT und USDC bereits in einer Größenordnung mit den größten Geldmarktfonds ein. Kommt es zu einem Run und müssen Reserven aufgelöst werden, droht ein Fire Sale dieser Papiere. Das kann die Liquidität im Treasury Markt belasten und Zinsbewegungen verstärken.

Die EZB warnt zudem vor Folgen für die Bankenfinanzierung. Wenn Haushalte und Unternehmen Einlagen in Stablecoins umschichten, verlieren Banken stabile Retail-Einlagen. Gleichzeitig erhalten wenige Institute höhere Wholesale-Einlagen von Stablecoin-Emittenten oder von Verkäufern der Reserve Assets. Diese Mittel sind im Stressfall deutlich flüchtiger. Bei einem Stablecoin Run könnten große Summen auf einen Schlag abgezogen werden und damit Bankbilanzen unter Druck setzen.
Im Euroraum begrenzt MiCAR einen Teil dieser Risiken. Stablecoin-Emittenten und Krypto-Dienstleister dürfen auf Stablecoin-Guthaben keine Zinsen zahlen. Mindestens 30 Prozent der Reserven müssen als Bankeinlagen gehalten werden. In den USA und anderen Märkten sind Zinsangebote auf Stablecoins jedoch weiter verbreitet und erhöhen den Wettbewerb um Einlagen.
Regulierung, Euroraum und Folgen für Anleger
Aus Sicht der EZB entsteht ein zentraler Teil des Risikos aus Unterschieden zwischen den Rechtsräumen. Bei sogenannten Multi-Issuance-Modellen kann ein Stablecoin parallel von einer EU-Gesellschaft und einer Drittstaaten‑Gesellschaft ausgegeben werden. Der Token ist wirtschaftlich identisch, unterliegt aber teils unterschiedlichen Reservevorgaben und Gebührenregeln. Wenn im Stressfall viele Anleger gleichzeitig zurücktauschen möchten, könnten die in der EU beaufsichtigten Reserven nicht ausreichen. Das würde die Run Risiken im Euroraum erhöhen.
Für Anleger bleibt die Funktion von Stablecoins im Krypto-Markt vorerst wichtig. Sie erleichtern das Kaufen von Kryptowährungen, reduzieren Wechselkosten und sind die Basiseinheit vieler DeFi Protokolle. Wer Stablecoins nutzt, trägt aber immer Emittentenrisiko. Entscheidend sind Transparenz der Reserven, rechtlich saubere Herausgabe, klare Einlöseansprüche und die Aufsicht über den Emittenten.
Für klassische Portfolios mit Staatsanleihen, Bankaktien oder Geldmarktfonds entsteht ein indirektes Risiko, wenn Stablecoins weiter stark wachsen. Ein Run mit anschließenden Fire Sales von US‑Treasuries könnte Kurse und Liquidität bewegen. Zudem kann eine Verlagerung von Einlagen zu Stablecoins die Ertragslage einzelner Banken schwächen. Die EZB verweist deshalb auf die G20-Roadmap für Krypto-Assets. Ziel sind weltweit abgestimmte Standards für Stablecoins, Bankexposures und Krypto-Märkte, um regulatorische Lücken und Arbitrage zu schließen.
